1830: John Braithwaite setzt zum ersten Mal seine Dampffeuerspritze bei einem Brand ein

John Braithwaite und sein Partner John Ericsson hatten mit ihrer Lokomotive “Novelty” 1829 an den [Rainhill Trials] teilgenommen. Diese wurde zum Liebling des Publikums, schied aber letztlich defekt aus. Kurze Zeit später bauten die beiden eine erste Dampffeuerspritze.

Erste Dampffeuerspritze gebaut in England 1830{#fig:1830-1}

Bild @fig:1830-1 zeigt eine aquarellierte Zeichnung der Feuerspritze. Die Bildunterschrift lautet:

Erste Dampffeuerspritze gebaut in England 1830.Braithwaite und Ericsson, Erfinder und Erbauer, London. Gewicht der Maschine 2 Tonnen I QR. Wassermenge bei einer Düsenbohrung von 1 1/4 inches 1493.3 lbs pro Minute oder 40 Tonnen pro Stunde bei einer Höhe von 60 Fuß.

Es war wohl so, dass Braithwaite Kapital und Werkstatt hatte, Ericsson die Ideen. Ericsson war 1803 in Schweden geboren worden, siedelte aber vermutlich 1829 nach England über. 1839 ging er dann in die USA. Dort baute er u.a. das erste Panzerschiff der US-Marine, die USS Monitor, [vergl. 1841 Worthington Kesselspeisepumpe].

Auf der Suche nach einigermaßen gesicherten Informationen zur ersten Dampffeuerspritze bin ich auf einen Artikel von John Bourne 1 gestossen, den dieser im Dezember 1875 in “The Engineer” veröffentlicht hat. Unter dem Titel “Recollection of improvements which have been made in the steam engine during the last half century” würdigt er John Ericsson, u.a. indem er ausführlich Briefe Ericsson’s wiedergibt. Dort heisst es u.a. 2:

1828: Designed a steam fire engine, mounted on a rude carriage, for experimental purposes. … The trials proved so satisfactory that Mr. J. Braithwaite, who built this first steam fire engine, decided to make another, to be mounted on a light frame supported by springs, suitable to run on pavements for practical purposes. I accordingly at once designed the second steam fire engine. The work was pushed vigorously, the machine proving a perfect success on first trial.

1828: Konstruierte eine Dampffeuerspritze, montiert auf einem simplen Wagen, um damit zu experimentieren. … Die Versuche verliefen so erfolgreich, dass Mr. Braithwaite, der die erste Dampffeuerspritze gebaut hatte, sich entschied, eine weitere zu bauen. Diese sollte auf einen leichten Rahmen mit Federn aufgebaut werden, sodass sie auf Pflaster gezogen werden konnte. Dementsprechend konstruierte ich die zweite Dampffeuerspritze. Die Arbeit wurde intensiv ausgeführt und die Maschine erwies sich beim ersten Versuch als voller Erfolg.

Ericsson verweist auch auf einen Bericht im Mechanic’s Magazine vom 13. Februar 1830. Abschliessend erwähnt er auch noch, dass er noch zwei weitere Dampffeuerspritzen konstruiert hat, die bei Braithwaite gebaut wurden, eine davon wurde nach Berlin geliefert, siehe 3 und 4.

Der angesprochene Bericht erschien in No. 340 5. Auf der Titelseite prangt eine Abbildung der Dampffeuerspritze, im Text finden sich Erläuterungen. Der Artikel beginnt wie folgt:

Braithwaite’s Steam Fire Engine. Shortly after the conflagration broke out, to which the Argyle-rooms fell a prey on Friday last, a new fire-engine, worked by steam, on the same principle as “The Novelty” steam-carriage, and manufactured by the same ingenious and enterprising engineer, made its appearance on the scene, under the direction of Mr. Alfred Braithwaite, and earned for itself universal admiration, by the powerful services which it rendered on the occasion.

Braithwaite’s Dampffeuerspritze. Kurz nach dem der Großbrand ausgebrochen war, dem die Argyle-Säle am vergangenen Freitag zum Opfer fielen, erschien eine neue Feuermaschine an Ort und Stelle, die nach den gleichen Prinzipien wie der Dampfwagen “The Novelty” mit Dampf betrieben wurde und vom gleichen einfallsreichen und tatkräftigen Ingenieur hergestellt worden ist. Unter der Leitung von Herrn Alfred Braithwaite wurde dieser Maschine für die leistungsfähigen Dienste, die sie bei dieser Gelegenheit erwies, die uneingeschränkte Bewunderung zuteil.

Es wird weiter berichtet, dass die Maschine über fast 5 Stunden ohne Pause lief und dabei 30 bis 40 Tonnen Wasser pro Stunde über dem Brandherd und angrenzende Gebäude ausbrachte. Der Wasserstrahl reichte bis auf eine Höhe von mindestens 24 m.

Auch die Eckdaten der Dampfmaschine werden angegeben. Der Dampfzylinder hatte einen Durchmesser von 178mm, der Hub betrug 400mm, die Maschine lief mit 35-45 Hüben pro Minute. Die Leistung wird mit »kaum 6 PS« angegeben. Das Gesamtgewicht wird als »unglaublich gering« bezeichnet: Etwa 2300 kg. Es wird dann noch darüber berichtet, dass es einen Vorgänger (also den Prototypen) gäbe, der 1,5 Tonnen Wasser pro Minute ausgebracht habe und das dabei die Gefahr nicht von der Hand zu weisen sei, dass mit einem so kraftvollen Strahl Gebäude zum Einsturz gebracht werden könnten. Es sei daher gut, dass 4 Schläuche angeschlossen werden könnten.

Im Grace’s Guide finden sich noch einige weitere Hinweise zu der ersten eingesetzten Dampffeuerspritze 6:

At this time Braithwaite manufactured the first practical steam fire-engine, which was ultimately destroyed by a London mob. It had, however, previously done good service at the burning of the English Opera House in 1830, at the destruction of the Argyle Rooms 1830, and at the conflagration of the Houses of Parliament in 1834. It threw two tons of water per minute, burnt coke, and got up steam in about twenty minutes; but it was looked upon with so much jealousy by the fire brigade of the day that the inventor had to give it up.

In meiner Übersetzung:

Zu dieser Zeit baute Braithwaite die erste praktisch einsetzbare Dampffeuerspritze, die letztlich durch den Londoner Mob zerstört wurde. Allerdings hatte sie zuvor gute Dienste beim Löschen der Brände des Opernhauses und der Argyle Rooms 1830 sowie beim Großfeuer des Parlamentsgebäudes 1834 geleistet. Sie brachte zwei Tonnen Wasser pro Minute aus, wurde mit Koks geheizt. Dampf war nach 20 Minuten verfügbar. Aber die Feuerwehren sahen die Maschine mit so viel Argwohn, dass der Erfinder den Bau einstellte.

Zwei Tonnen Wasser pro Minute ? Die Angabe aus dem Mechanic’s Magazine war 30-40 Tonnen Wasser pro Stunde. Das sind 500-650 l/min. Im Datenblatt einer modernen 2-stufigen Feuerlöschkreiselpumpe Ziegler Ultra Compact PFPN 6-500 7 findet sich eine Motorleistung von 13 kW (18 PS) (ein Zweizylinder-4-Takter mit 570 cm3) und eine Nennfördermenge von 500 l/min bei einem Nennförderdruck von 6 bar.

Letztlich stellte Braithwaite seine Bemühungen ein - die Feuerwehrleute lehnten die Neuerung ab. Der zuständige Leiter tat dies mit Argumenten (zu schwer, zu langsam, es dauerte zu lange, bis die Pumpe einsatzbereit war), seine Leute wurden handgreiflich (der Mob …).

Bei den Angaben zu dem von Braithwaite nach Berlin verkauften Exemplar fanden sich noch zwei Fußnoten, die der Herausgeber oder Redakteur 1832 seiner Übersetzung des Artikels aus dem Mechanic’s Magazine hinzugefügt hatte und die ich dem Leser nicht vorenthalten möchte:

Fußnote 143: Wir sind vollkommen überzeugt, das diese Maschine ebenso vorzüglich und von gleicher Wirkung von dem äusserst geschickten Maschinenbaumeister Egells in Berlin erbauet werden kann. - Er trägt als Bürger zu den Lasten des Staates bei, warum mag daher diese hohe Summe dem Inländer entzogen, dem Ausländer zugewendet worden sein ? Möchten wir doch immer uns erinnern, dass unsere Bürger uns am allernächsten stehen und es unsere Pflicht ist, nicht zu viel Vorlieve für das Fremde zu hegen.

Der Schlußsatz im Originalartikel lautet:

The sum agreed to be paid for the comet, is 1200 Pounds; but we should imagine that this can scarcely be a renumerating price for an engine of such magnitude and power, and finished in a style of workmanship which called forth the most unqualified encomiums from the numerous engineers and other scientific persons present at the exhibition at Monday last.

In meiner Übersetzung:

Der vereinbarte Kaufpreis für die Comet beträgt 1200 Pfund; wir sollten uns allerdings vor Augen halten, dass dies kaum ein lohnender Preis für eine Maschine von solcher Größe und Kraft sein kann, deren Verarbeitung die uneingeschränkten Loblieder der am vergangenen Montag bei der Ausstellung anwesenden Ingenieure und Wissenschaftler hervorrief.

Dazu heißt es dann:

Fußnote 144: Kann irgendeine Unverschämtheit englisch genannt werden, so ist es diese geringschätzende Äusserung über den von Preussen bewilligten Preis. Wann werden die Engländer aufhören, den Kontinent als diejenige Kuh zu betrachten, welche sie zum beliebigen Melken an dem Stricke halten ?

Stand 27.7.2018


  1. John Bourne war u.a. Autor eines »Catechism of the Steam Engine« John Bourne: A Catechism of the Steam Engine. 5. Auflage 1857. Weitere Details zu seiner Vita beim Grace’s Guide. Abgerufen 27.7.2018

  2. Grace’s Guide: The Engineer 1875/12/31, , S. 462 Abgerufen 26.7.2018

  3. Matschoss, 1901, S. 301

  4. John Braithwaite’s in London für die preussische Regierung erbaute Dampffeuerspritze “Comet”. (Aus The Mechanic’s Magazine Vol. XVIII. No. 478. October 1832. Seite 1). In: Magazin der neuesten Erfindungen, Entdeckungen und Verbesserungen … Band 2 Heft 5. Leipzig 1832 Teilw. online verfügbar

  5. Mechanics Magazine No. 340 13.2.1830 bei HathiTrust Digital Library Abgerufen 27.7.2018

  6. John Braithwaite in Grace’s Guide to British Industrial History Abgerufen am 26.7.2018

  7. Ziegler Löschsysteme Datenblatt PFPN 6-500 ULTRA COMPACT Abgerufen am 26.7.2018