1866: In Mannheim wird der erste deutsche Überwachungsverein für Dampfkessel gegründet

Am 28. Januar 1865 explodierte der Dampfkessel der Brauerei »Zum großen Mayerhof« in Mannheim. Ein Riss im Kesselblech kostete einen Arbeiter das Leben, vier weitere wurden verletzt 1.

Das Unglück war beileibe kein Einzelfall. Auch im Heimatland der Dampfmaschine waren immer wieder Kesselexplosionen mit Toten und Verletzten zu beklagen. Nach einer Explosion auf einem Küstendampfer setzte das englische Unterhaus einen Untersuchungsausschuss ein 2. Es änderte sich allerdings - nichts. Kesselrevisionen wurden erst 1854 vorgeschrieben. Zweimal jährlich sollten beamtete »Engineer Surveyors« Schiffkessel prüfen. Bei Kesseln an Land waren die englischen Behörden noch zögerlicher. Mit dem »Boiler Explosion Act« von 1882 und 1890 wurde eine Meldepflicht eingeführt. Danach erst war es der Verwaltung möglich, eine Untersuchung zu veranlassen.

Sonnenberg beschreibt, dass sich die Besitzer von Dampfkesseln aus Manchester und Umgebung 1854 zu einer »Association for the Prevention of Steam Boiler Explosions« zusammenschlossen. 1855 gab es 269 Mitglieder mit 843 Dampfkesseln. Die Association beschäftigte eigene Revisionsingenieure. Wesentlich war eine Versicherung auf Gegenseitigkeit. Falls ein Mitglied Auflagen nicht befolgte, konnte der Versicherungsschutz entzogen werden.

Dieses Modell stand auch in Baden Pate. Rund ein Jahr nach dem Vorfall in Mannheim gründeten 22 badische Unternehmer die »Gesellschaft zur Ueberwachung und Versicherung von Dampfkesseln mit dem Sitze in Mannheim« und damit die Keimzelle des späteren »DÜV Dampfkesselüberwachungsverein«, aus dem wiederum der heutige »TÜV Technische Überwachungsverein« hervorgegangen ist.

Den Badensern gelang es nicht, eine Versicherung zu gründen. Mit 47 Kesseln im Gründungsjahr waren die Einkünfte zu niedrig. Auch im Folgejahr mit dann 59 Kesseln war die Lage noch angespannt. 1868 schritt dann das badische Handelsministerium ein. Alle Kesselbesitzer wurden aufgefordert, entweder dem Verein beizutreten oder dafür Sorge zu tragen, dass ihre Kessel von einem anderen Gutachter revidiert würden, der dann noch anzuerkennen wäre. Falls die Kesselbesitzer dem nicht Folge leisten würden, drohte das Ministerium »auf dem Verwaltungswege einzuschreiten« 3. Das führte zu einem deutlichen Zuwachs an Mitgliedern (1869 waren es 308 Kessel in ganz Baden). Nun suchte und fand man einen Mitarbeiter: Im Oktober 1868 trat Carl Isambert (1839-1899) seinen Dienst in Mannheim als erster hauptamtlich tätiger Sachverständiger eines technischen Überwachungsvereins in Deutschland an. Er hatte zuvor einige Jahre beim »Hörder Bergwerks- und Hüttenverein« (gegründet 1852) gearbeitet 4.

Bis dahin hatte ein Maschinenmeister ausgeholfen und Kessel in Mannheim und Umgebung revidiert. Isambert hatte wohl erfahren, dass im badischen Oberland und im Schwarzwald der Zustand der Kessel ganz besonders zu wünschen übrig ließ. So begann er bereits wenige Tage später mit seinen Inspektionsreisen. Bis Ende des Jahres revidierte er 94 Kessel, zumindest einen Teil davon auch auch innerlich.

Isambert teilte die gefundenen Mängel in vier Kategorien ein:

  • Konstruktionsfehler
  • Fehler beim Betriebe oder Vernachlässigungen
  • Mängel an den Garnituren
  • Defekte Stellen an dem Kessel oder Mauerwerk

Aus seinem Bericht 5 wird deutlich, dass Fehler beim Betrieb und Mängel an den Garnituren (heute sprechen wir wohl eher von Kesselarmaturen) besonders oft zu verzeichnen waren. Aber auch strukturelle Schäden musste er oft feststellen. Zusammenfassend schrieb er:

Sie werden mir zugeben, daß es da doch wohl hohe Zeit war, eine Inspektion zu halten. Hr. Haack, welcher die hiesigen Kessel im vorigen jahr revidirte, hat zwar auch genug Mängel vorgefunden, aber solchen abnormen Verhältnissen wie die des Oberlandes ist er doch nicht begegnet.

Isambert griff dann einige Fälle aus seinen Statistiken heraus. So hieß es:

Als ich eines Morgens unerwartet in ein Kesselhaus trat, fand ich den Kessel angefeuert und das Manometer 58 Pdf. Druck zeigend, im Wasserstandsglase war gar kein Wasser mehr zu sehen; nach halbstündigem Warten kam denn endlich der Kesselwärter in der Person des Besitzers jener Anlage, welcher mir den tiefen Stand des Wassers naiver Weise damit erklärte, daß dieses wohl während der Nacht so sehr gesunken sein müsse; denn am Abend vorher will er noch Wasser im Wasserstandsglase bemerkt haben. Dass aber noch Dampf und damit auch noch Wasser genug im Kessel sein müsse, bewies er mir dadurch, daß er sofort die Maschine in Gang setzte.

Ein weiterer Bericht:

An einem anderen Orte rief mir eine Signalpfeife im Augenblicke meines Eintreffens im Kesselhause durch einen hellen grellen Pfiff ein freudiges Willkomm zu, welche Aufforderung der Kesselwärter aber auch sofort durch Anhängen der Speisepumpe zu beantworten wußte. Bei der darauf vorgenommenen Revision ergab sich, daß der Kessel weder Wasserstandshähne noch Wasserstandsglas hatte und daß die Sicherheitsventile mit schweren Rostbalken der Art überlastet waren, daß sie erst bei 18 bis 20 Atmosphären abblasen konnten. Das Manometer zeigte 35 Pfd., als ich es abschrauben ließ, gab es noch immer denselben Druck an, und nun gestand mir der Kesselwärter, daß ein Schlosser des Städtchens dasselbe in Reparatur gehabt habe und seit dieser Zeit zeige es den constanten Druck von 35 Pfd. Tatsächlich beabsichtigte der Kesselwärter auch jene brave Signalpfeife noch zu beseitigen, die einzige noch in Thätigkeit befindliche Garnitur, da er sich durch deren Funktionieren häufig schon Vorwürfe seines Fabrikherren zugezogen habe. Er versicherte mir in etwas gereiztem Tone, daß die Pfeife aber auch regelmäßig dann ertöne, wenn nur wenig Wasser mehr im Kessel sei.

In seiner statistischen Übersicht hieß es:

8) Kesselwärter höchst unzuverlässig und gewissenlos: 4 Fälle
Kesselwärter irrsinnig: 1 Fall

Darauf kam er dann noch einmal zu sprechen:

das irgendwo ein Irrsinniger die Bedienung eines Dampfkessels hat, haben Sie aus der Ihnen soeben vorgelesenen Zusammenstellung gehört; derselbe hatte nämlich nur den mechanischen Theil der Wartung, während eine Frauensperson die intellectuelle Rolle dabei spielte. Auf meine desfallsigen Vorstellungen bei der vorgesetzten Behörde trat aber sofort eine Aenderung ein.

Isambert sprach auch davon, dass eine ruhige und sachliche Aufklärung insbesondere der Kesselwärter und der Kesselbesitzer am ehesten geeignet sei, die Probleme langfristig zu lösen.

Beim zweiten Punkte meiner Betrachtungen anlangend, freue ich mich constatieren zu können, daß die Aufnahme, welche mir zu Theil wurde, eine recht gute war; fast überall, wo ich hinkam, erkannte man, wenn auch gerade nicht eingestandenermaßen die Nothwendigkeit, so doch die Zweckmäßigkeit unserer Institution an; einzelne Kesselbesitzer erwarteten mich sogar mit Ungeduld, wie ein Kranker sich nach einem Arzte sehnt, und erbaten sich meine Ansichten über Dies und Jenes.

1869 zog Isambert auf der Mitgliederversammlung des Mannheimer Vereins eine positive Bilanz seiner Arbeit: Akute Explosionsgefahr bestehe bei keinem der geprüften Kessel mehr 6.

In anderen Regionen folgte man nach und nach dem Beispiel des Großherzogtums Baden. 1873 konstituierte sich der »Verband der Dampfkessel-Überwachungs-Vereine« in Hannover. 1888 änderte der Verband seinen Namen in »Internationaler Verband der Dampfkessel-Überwachungs-Vereine«. Zu diesem Zeitpunkt vertrat der Verband 30 Vereine mit 36.000 Kesseln. Vor dem Ausbruch des ersten Weltkrieges waren es 74 Vereine mit 265.000 Kesseln, davon 41 deutsche mit 150.000 Kesseln 7.

An seinen ersten Prüfingenieur erinnert der TÜV Süd heute mit dem Carl-Isambert-Preis für Sicherheitstechnik und Umweltschutz.

Stand: 17.11.2018