1868: Robert Mushet produziert R.M.S., Robert Mushet’s Special Steel, einen legierten Werkzeugstahl

Schneidwerkzeuge, sei es in handgeführten Werkzeugen, sei es in Werkzeugmaschinen, müssen härter sein als das zu bearbeitende Material. Lange Zeit stand ausschließlich Kohlenstoffstahl zur Verfügung, d.h. ein Stahl ohne Legierungszusätze mit einem Kohlenstoff-Anteil von 0,45-1,5 %. Durch Schmieden wurde das Werkzeug geformt, durch Abschrecken wurde es hart aber spröde und durch geeignetes erneutes Erwärmen (Anlassen) erhielt das Werkzeug dann seine Zähigkeit.

Die Standzeit (also die Zeit, die z.B. der Drehstahl genutzt werden konnte, bis der Dreher die Schneidkante nachschleifen mußte) war kurz, die sinnvollen Schnittgeschwindigkeiten niedrig.

1868 fand Robert Mushet, daß ein deutlicher Zusatz von Wolfram (4-12%), Mangan (2-4%) sowie Kohlenstoff (1,5-2,5%) Schneidwerkzeuge lieferte, die deutlich härter als Kohlenstoffstahl waren, somit auch eine höhere Standzeit möglich machten. Nach dem Schmieden reichte es aus, dass Werkzeug im Luftstrom abkühlen zu lassen.

R.M.S. (so war das Material gezeichnet) wurde unter großer Geheimhaltung entwickelt und später fabriziert. Lt. Rolt wurden die Bestandteile nur mit Ziffern bezeichnet (das hat auch Alfred Krupp ganz ähnlich gemacht), man kaufte nur über Zwischenhändler, Teilschritte der Fabrikation wurden nur von einem kleinen Kreis von vertrauenswürdigen Arbeitern ausgeführt und die so entstandenen Zwischenprodukte an anderer Stelle weiterverarbeitet. Lt. Rolt ist es Mushet gelungen, seine Legierung geheim zu halten 1.

R.M.S. wurde natürlich auch nach Deutschland exportiert. In Dinglers Polytechnischem Journal findet man 1872 eine erste Notiz, fast schon eine Anzeige 2:

Mushet’s sogen. Special-Stahl.

Dieser Stahl eignet sich vorzüglich zur Bearbeitung von Stahl-Gußstücken und überall dort, wo sonst die Härte des Materiales die Werkzeuge schnell stumpf macht. Mushet’s Stahl braucht nicht gehärtet zu werden, sondern erlangt durch leichtes Hämmern die erforderliche Härte.

Erzeugt wird dieser Special-Stahl durch die Titanic Steel and Iron Company, Forest Steel works, Coleford, Gloucestershire. (Agentur für den Continent: August Pillot in London, Lombard Exchange)

Mushet’s Stahl kann von der Firma Specht und Hutzelsieder in Augsburg bezogen werden.

Härten durch Hämmern - das ist offensichtlicher Unfug. Im gleichen Jahr berichtete ein Professor Heeren über R.M.S. 3. Er hatte eine Materialprobe analysiert und fand neben Kohlenstoff 8,3 % Wolfram sowie 1,73 % Mangan. Insgesamt wurde der Mushet’sche Specialstahl deutlich positiv beurteilt. Der Text macht offenkundig, wie schwierig es war, ein quantitatives Urteil zu fällen:

Die wesentlichste Eigenschaft des Specialstahles besteht darin, daß er im ungehärteten Zustande eine solche Härte besitzt, daß er selbst von einer guten englischen Feile nicht angegriffen wird, daß er aber, wenn man ihn auf gewöhnliche Art zu Härten versucht, weit entfernt, an Härte zu gewinnen, weicher wird, so daß ihn nun die Feile ganz gut angreift.

Glühend läßt er sich vortrefflich schmieden, muß aber auch hierbei vollständig die bezweckte Form erhalten, weil nach dem Erkalten mit der Feile nichts mehr zu machen ist, höchstens noch durch Schleifen nachgeholfen werden kann.

Aber Professor Heeren blieb nicht unwidersprochen. Ein Professor Fr. Kick aus Prag ließ ebenfalls 1872 kein gutes Haar an Mushet’s Specialstahl 4:

Das aus ihm hergestellte Werkzeug (Messer für eine Metallhobelmaschine) hielt die Schneide weit weniger lang, als ein gewöhnliches, gehärtetes Gußstahlmesser, und ein Meißel zeigte sich bei den ersten Schlägen unganz, sowie sich auch bei den Schmiedeproben letztere üble Eigenschaft mehrfach zeigte.“

Einige Jahrzehnte später (Taylor hatte gerade HSS gefunden) schrieb Professor Hermann Meyer 1913 in seinem “Leitfaden der Werkzeugmaschinenkunde” 5:

In den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts erfand Robert Mushet den Mushet-Stahl oder selbsthärtenden Stahl mit einem größeren Mangan- und ziemlich hohen Wolframgehalt. Dieser Stahl hat die Eigenschaft, bei langsamer Abkühlung an der Luft genau so hart zu werden wie der ältere Stahl bei plötzlicher Abkühlung. Vor allen Dingen zeichnet or sich diesem gegenüber aber dadurch aus, daß er viel härteres Material bearbeiten kann und größere Schnittgeschwindigkeiten ermöglicht. Seine Erfindung bedeutete daher einen gewaltigen Fortschritt in der Metallbearbeitung.

Stand 24.7.2016