1893: Das Löwenherz-Gewinde wird zur Norm

An diesem, heute wohl fast vergessenem, Gewinde kann man gut zeigen, wie mühselig der Prozess der Gewindenormung war.

Darüber hinaus ist auch die Biographie des Namensgebers bemerkenswert. Leopold Löwenherz kam aus einfachen Verhältnissen. Es gelang ihm, als Wissenschaftler Karriere zu machen. Als 1893 das nach ihm benannte Gewinde normiert wurde, war er schon verstorben. Matschoss würdigt ihn mit den Worten 1:

Seine Untersuchungen haben in hervorragender Weise dazu beigetragen, der deutschen Glasinstrumententechnik zu ihrer Weltgeltung zu verhelfen.

Ein besonderes Anliegen war ihm, die Feinmechanik zu fördern. Dies tat er mit eigenen Untersuchungen (nur als ein Beispiel: “Über die Anlauffarben der Metalle und ihre Verwendung in der Technik”), durch die Gründung der “Zeitschrift für Instrumentenkunde” und durch die Organisation von Fortbildungen für Mechaniker und Optiker. Ebenso war er mit beteiligt, als 1887 die Physikalisch-Technische Reichsanstalt gegründet wurde. Er leitete dann eine Abteilung dieser Anstalt, der Vorläuferin der heutigen Physikalisch-Technischen Bundesanstalt in Braunschweig.

Für den Sohn eines jüdischen Steinmetzes war das auch in der relativen Offenheit der Wilhelminischen Gesellschaft eine bemerkenswerte Karriere.

Neben den schon genannten Bereichen war das Thema der Gewinde-Normung zentral für Leopold Löwenherz. 1890 veröffentlicht Löwenherz einen Aufsatz “Der Stand der Arbeiten für Einführung einheitlicher Schraubengewinde in die Feinmechanik” in der Zeitschrift für Instrumentenkunde 2.

In folgenden Punkten hatte man beim “ersten deutschen Mechanikertag in Heidelberg” 1889 Einigkeit erreicht:

  • Muster der wichtigsten Gewinde sollten bei der PTR hinterlegt werden
  • Es sollte eine Kommission gebildet werden, um Normen für die üblichen Gewinde zu erarbeiten
  • Ganghöhen sollten max. auf 0,1 mm aufgelöst werden, Durchmesser in mm, bei feinen Schrauben auch in 0,5 bis hin zu 0,2 mm.
  • Die Gewinde sollten “scharf” geschnitten sein, d. h. die Ganghöhe soll mit der Gangtiefe überein- stimmen. Der Winkel sollte 53° 8’ betragen.
  • Vorrangig war jedoch die schleunige Einführung einer vorläufigen Kennzeichnung für Schrauben

Die geforderte Kommission wurde gebildet und trat im Januar 1890 erstmalig zusammen. Man einigte sich auf den o.a. Winkel und scharf geschnittene Gänge. Man erstellte Fragebogen bzgl. der verwendeten Abmessungen, die an die Mechaniker-Werkstätten versandt wurden. Löwenherz hielt einen Vortrag zum Thema Schraubennormung beim elektrotechnischen Verein in Berlin und gewann diesen zur Mitarbeit, ähnlich wurden die Telegraphenverwaltungen des Reiches sowie die Königlich Bayerische und die Königlich Württembergische gewonnen. Auch Firmenvertreter wurden hinzugezogen, so von der Firma “Gebrüder Heyne” (eine Fabrik für Präzisionsdrehteile und Metallschrauben in Offenbach am Main) und von Siemens & Halske.

Im Aufsatz Löwenherz’ wird an dieser Stelle deutlich, dass es offenkundig noch andere Ansichten gab. Obwohl der Mechanikertag und die Schraubenkommission sich ja auf “scharfe” Gänge geeinigt hatten, wandte sich der Grossherzoglich Badische Maschinen-Inspektor Herr Delisle aus Karlsruhe im Auftrage des Vereins deutscher Ingenieure gegen diese. Unterstützung fand er bei einem Mitglied der Schraubenkommission (Gebbert aus Erlangen).

Das Für und Wider wird dargelegt, u.a. die raschere Abnützung der Schneidwerkzeuge bei scharfen Gängen. Delisle weist auf die größere Bruchgefahr bei scharfen Gängen vor allem bei größeren Schrauben hin.

Es findet sich auch die Aussage, dass in Amerika zunehmend abgeflachte Gewinde gefertigt würden.

Eine Einigung scheint nicht möglich, da offensichtlich der Verein der deutschen Ingenieure von seiner Position “abgeflachte Gewinde” nicht abrücken will. Man stimmt ab und verabschiedet letztlich eine Norm für scharfe Gewinde, jedoch nur bis 10 mm.

Aber auch der Winkel von 53°8’ war Gegenstand der Auseinandersetzung. 60° wurden vorgeschlagen. Messungen an fabrikmäßig hergestellten Schrauben zeigten eine Abweichung von bis zu 5° vom Sollwert.

Letztlich wird auch die Abstufung der Ganghöhen (bis dahin 0,1 mm) noch einmal zum Thema, indem nun auch eine Auflösung von 5/100 gefordert wird.

So ist es nicht verwunderlich, dass selbst in diesem Teilbereich der Schrauben bis max. 10 mm ø noch fast 3 weitere Jahre vergingen, bis dann im September 1893 beim Mechanikertag in München der nochmals überarbeitete Entwurf als Norm angenommen wurde.

Löwenherz war mittlerweile verstorben. Ihm zu Ehren benannte man das Gewinde nach ihm. Das Löwenherz-Gewinde wurde erst 1923 (vermutlich) durch die DIN 13 abgelöst, d.h. nicht mehr im Betrachtungszeitraum dieser Synopsis.

Folgt man Karl Kress 3, so hatte Delisle schon 1876 versucht, ein einheitliches metrisches Gewinde einzuführen. Obwohl er für den VDI sprach, war der Versuch gescheitert. Der Maschinenbau nutzte das Whitworth-Gewinde und war an neuem nicht interessiert. Bei den späteren Normungsarbeiten trug man dem Rechnung: DIN 11 beinhaltete Whitworth-Gewinde ohne Spitzenspiel, DIN 12 jene mit Spitzenspiel, beide erstmalig 1923 veröffentlicht 4. Ebenfalls 1923 kam dann die DIN 13, der Vorläufer der uns heute vertrauten DIN ISO 1502.

Stand: 25.7.2016


  1. Matschoss, 1925, S.161

  2. Löwenherz, 1890, S. 302 ff

  3. Kress, 1890, S. 302 ff

  4. Angaben zur Erstausgabe und zur Versionsgeschichte einzelner Normblätter sind kaum zu finden. Eine sehr gute Quelle ist dieser Wikipedia-Eintrag. Letzte Änderung war am 4.5.16, abgerufen am 10.7.16