1900: Charles Norton baut die ersten schweren Produktions-Rundschleifmaschinen

Charles Hotchkiss Norton war seit 1886 Konstrukteur bei Brown & Sharpe und dort mit der Verbesserung von Universal-Rundschleifmaschinen befaßt. Er gelangte zu der Ansicht, daß die ideale Maschine

  • deutlich schwerer als bis dahin üblich sein müsse
  • einen wesentlich stärkeren Antrieb benötige und
  • mit einer deutlich breiteren Schleifscheibe ausgestattet sein müsse 1

Da es ihm nicht gelang, seine Ansichten durchzusetzen, gründete er 1900 die Norton Grinding Company mit Beteiligung der Norton Emery Wheel Company (vergl. 1877 Keramische Schleifscheibe) 2.

Die ersten beiden Maschinen nach seinen Vorstellungen entstanden Ende 1900. Es konnten damit Werkstücke von bis zu ca. 450 mm ø und 2400 mm Länge bearbeitet werden. Die Schleifscheiben mit keramischer Bindung hatten ca. 610 mm ø und eine Breite von 50 mm. Bald entstanden weitere Varianten, u.a. Maschinen mit gekröpftem Bett, die es ermöglichten, Kolbenstange von Dampfmaschinen, Lokomotiven und Gasmotoren mit aufgeschraubtem Kolben bis 760 mm ø zu schleifen.

Schlesinger schrieb:

Schleifen ist billiger als Drehen ! […] Die Schleifmaschine ist tatsächlich zur spanabhebenden Werkzeugmaschine geworden; das beweist die Lockenform der unverbrannten Späne unter dem Mikroskop. Mit der Leistung sind in erster Reihe die Gewichte der Maschine erheblich gewachsen; […] Es sind das Leistungen, die an die der kräftigsten Drehbänke und Fräsmaschinen von heute heranreichen.

Schon 1901 schlossen Norton und Loewe eine Lizenzvereinbarung ab. Seit 1904 stellte Loewe die Maschinen auch selbst her.

Die überragenden Leistungen dieser Maschinen sind auch für die Entwicklung und Einführung des Schlesinger-Loewe-Passungssystems bedeutsam geworden (vergl. 1904 Die Passungen im Maschinenbau).

1900: Die Umstellung auf die maschinelle Feilenherstellung ist weitgehend erfolgt

Selten gibt es bei der Entwicklung von Handwerkzeugen Eckdaten, wie sie für eine Synopsis wünschenswert wären. Das gilt auch für die Feile. Wenn man sich auf Deutschland beschränkt, läßt sich allerdings zumindest ein Zeitraum angeben, innerhalb dessen die manuelle Herstellung von Feilen durch die maschinelle abgelöst wurde.

Otto Dick schreibt dazu 1925 3:

Reinhard Mannesmann war wohl der erste Remscheider Feilenfabrikant, der etwa um das Jahr 1850 die Umwälzung der Hausindustrie zum Fabrikbetrieb einleitete und der eine einheitliche Fabrikation in eigenen Werkstätten aufnahm. Obwohl schon im Jahr 1873 die ersten Feilenhaumaschinen aus England nach Remscheid kamen, aber auf die Dauer eben nicht befriedigten, kam die maschienelle Anfertigung von Feilen erst vom Jahre 1890 ab in Aufschwung.

An anderer Stellen stellt Dick noch allgemeiner fest 4:

Mit Ausnahme weniger Uhrmacherfeilen, die in Eßlingen a.N. von der Firma Friedr. Dick auf einigen kleinen Haumaschinen schweizerischer Herkunft hergestellt wurden, hat man in Deutschland noch vor etwa 35 Jahren nahezu sämtliche Feilen nach der alten Väter Weise von Hand mit Hammer und Meißel gehauen.

Man kann also davon ausgehen, dass in Deutschland der Umstellungsprozess von der manuellen Feilenherstellung (dem sog. Feilenhauen) auf die maschinelle Herstellung in den Jahren 1890 - 1900 vonstatten ging.

Dick gibt einen sehr ausführlichen Überblick über die Entwicklung der Feilenhaumaschinen in England, Frankreich, Amerika und schließlich auch Deutschland. Es wird dabei deutlich, dass trotz jahrzehntelanger Entwicklungsarbeit und einer Vielzahl von Ansätzen die Feilenhaumaschinen über sehr lange Zeit nicht die Güte der handwerklich hergestellten Feilen erreichten.

Noch einmal Otto Dick:

Vor vielleicht 150-200 Jahren hätte niemand geglaubt, daß erst gegen das Jahr 1900 die mehr oder weniger automatisch arbeitende Feilenhaumaschine so weit gediehen wäre, daß sie nahezu allen Anforderungen genügt und daß auf ihr nicht nur zylindrische, sondern auch bauchige und zugespitzte Feilen mit Vorteil gehauen werden können. Von dieser Zeit ab wurde im ganzen Feilengewerbe die Handarbeit sehr rasch durch die Maschinenarbeit verdrängt und heute dürfte es kaum mehr eine Feilenhauerei, weniger noch eine Feilenfabrik geben, die nicht mindestens 1 oder 2 Maschinen hat 4.

Stand: 4.4.2017


  1. Ich folge in dieser Darstellung Benad-Wagenhoff, 1993, S. 324 ff.

  2. Es handelte sich um eine zufällige Namensgleichheit Day + McNeil, 1996, S. 525 f.

  3. Otto Dick, 1925, S. 33

  4. a.a.O. S. 209 2