1904: Georg Schlesinger promoviert mit einer Arbeit über “Die Passungen im Maschinenbau”

Ab 1899 durften die Technischen Hochschulen (im Falle Schlesinger’s die zu Berlin) den Titel “Diplom-Ingenieur” verleihen sowie Diplom-Ingenieure promovieren. Georg Schlesinger gehörte damit zu den ersten promovierten Maschinenbauern des Deutschen Reiches 1.

Seine Arbeit über “Die Passungen im Maschinenbau” übte einen ungewöhnlich großen Einfluß aus und mündete später in das DIN-Passungssystem. Sie wäre ohne die vorangegangene Tätigkeit bei der Ludwig Loewe & Co. A.-G. nicht denkbar gewesen. Loewe hatte zunächst Nähmaschinen und dann Waffen hergestellt. 1897, als Schlesinger dort nach Abschluß seines Studiums als Konstrukteur eintrat 2, war Loewe einer der größten deutschen Werkzeugmaschinenhersteller. Für Loewe waren die USA das große Vorbild. Eine neu errichtete Fabrik an der Huttenstraße in Berlin-Moabit war mit Fertigungsmaschinen aus den USA ausgestattet. Im “American Machinist” hieß es 1899: “The best American tool shop is now in Germany” 3.

Man hatte bei Loewe schon ab 1889 versucht, mit Rachenlehren und Kaliberdornen Rundpassungen beliebig austauschbar zu fertigen. Allerdings waren diese Versuche gescheitert, man kehrte wieder zum alten System der manuellen Paßarbeit zurück 4.

Schlesinger stieg rasch auf, 1902 war er schon Konstruktionschef. Er griff das Thema der Rundpassungen wieder auf. Neu angeschaffte Rundschleifmaschinen der Firma Norton aus den USA 5 ermöglichten es, eine bis dahin nicht gekannte Zylindrizität und Oberflächengüte zu erzielen. Nun gelang es Schlesinger,

ein System von Toleranzen für die verschiedenen in der Montage gebrauchten Sitze herauszufinden und in der Fabrik einzuführen.

Für das schnelle und sichere Messen in der Fertigung wurden für die gewünschten Passungen und Abmessungen Grenzlehren bereitgestellt.

Dieses System wurde als “Schlesinger-Loewe-Passungssystem” bekannt. Es war die Basis für die Dissertation Schlesinger’s 1904, die 1917 erneut aufgelegt und in zahlreiche Sprachen übersetzt wurde 6. Aber auch im betrieblichen Alltag scheint das System schnell Fuß gefaßt zu haben. Benad-Wagenhoff nennt

  • 1912 R. Wolf in Magdeburg-Buckau (Lokomobilen)
  • 1914 Gasmotorenfabrik Deutz in Köln (Motoren)
  • 1914 Heinrich Lanz in Mannheim (Landmaschinen)
  • Orenstein & Koppel in Berlin (Lokomotiven)

Benad-Wagenhoff faßt den damit erreichten Stand der Meß- und Fertigungstechnik so zusammen 7:

  • Die Einzelmaßtoleranzen waren nun exakt eingegrenzt.

  • Das Passungspiel war damit innerhalb einer Passungstoleranz ebenfalls festgelegt. Das kleinste Spiel ergab sich bei der Paarung der stärksten Welle mit der engsten Bohrung, das größte für die dünnste Welle in der weitesten Bohrung.

  • Das Passungssystem beschränkte den Aufwand an Meß- und Prüfmitteln soweit, daß er bei Serienfertigung ökonomisch vertretbar war.

Nach dem ersten Weltkrieg entstanden aus der Dissertation Schlesinger’s zusammen mit weiteren Unterlagen der Firmen Reinecker, Kirsch und Mahr die DIN Passungsnormen (vermutlich DIN 18) 8 9.

Stand: 1.10.2016


  1. Spur et. al., 2000, S. 83 ff.

  2. Spur et. al., 2000, S. 51

  3. Zitiert nach Ralf Richter: Technology and Knowledge Transfer in the Machine Tool Industry. Essays in Economic & Business History - Vol. XXVI , 2008 Online verfügbar Abgerufen 30.9.2016

  4. Benad-Wagenhoff, 1993, S. 350 f.

  5. Benad-Wagenhoff, 1993, S. 375

  6. TODO

  7. Benad-Wagenhoff, 1993, S. 350

  8. Spur et. al., 2000, S. 206

  9. Wikipedia-Eintrag Normenliste DIN 1 bis DIN 499 Letzte Änderung war am 24.9.2016, abgerufen am 1.10.2016