1862: Bei einem durch einen gebrochenen Balancier verursachten Grubenunglück sterben über 200 Bergleute

Wie bei so vielen Bergwerken wurde auch im Hartley Pit an der Ostküste Englands eine Balanciermaschine sowohl für die Wasserhaltung als auch für den Transport genutzt. Am 16. Januar 1862 brach der Balancier in der Mitte. Die eine Hälfte stürzte in den Schacht, wobei die hölzerne Schachtauskleidung schwer beschädigt wurde. Der Schacht war der einzige Schacht, man hatte ihn durch Leinwand unterteilt in eine Hälfte für die Pumpengestänge und eine zweite für den Transport der Bergleute und der Kohle. Das Gewicht des Balanciers wurde mit ca. 43 t angegeben, nun waren also über 20 t Gußeisen senkrecht in den Schacht gestürzt 1.

Hartley war ein sog. “wet pit”, ein “nasses” Bergwerk dicht an der Nordseeküste. Nachdem nun nicht mehr gepumpt werden konnte, war klar, daß die in der Grube eingeschlossenen Bergleute durch aufsteigendes Wasser gefährdet waren. Grubengase stellten eine weitere Gefahr dar. Auf einer der tieferen Sohlen unterhielt man normalerweise ein Feuer, um so Faulgase aus der Grube zu treiben. Dieser Abzug war nun blockiert.

Letztlich waren die Rettungsversuche erfolglos, über 200 Bergleute (der jüngste gerade mal 11 Jahre alt) starben.

Seit mehreren Jahrzehnten hatte es Empfehlungen gegeben, dass jedes Bergwerk einen zweiten Schacht haben sollte. Aber die Bergwerksbesitzer hatten sich immer unter Hinweis auf die Kosten geweigert. Selbst nach dem “Hartley Colliery Disaster” dauerte es weitere 10 Jahre, bis ein zweiter Schacht gesetzlich vorgeschrieben wurde.

1862: Universal-Fräsmaschine von Brown & Sharpe

Die erste Universal-Fräsmaschine wurde gebaut, um die Nuten von Spiralbohrern wirtschaftlich herstellen zu können 2.

Dazu bekam die Fräsmaschine mit waagerecht liegender Spindel einen schwenkbaren Tisch. Ferner wurde ein Teilapparat eingesetzt. Damit konnten die Nuten, die bis dahin gefeilt worden waren, gefräst werden. In 3 finden sich auch Bilder eingesetzter Fräser. Diese hatten (anders als die Circular File, mit der die Mutternfräsmaschine von James Nasmyth (vergl. 1829 Mutternfräsmaschine) bestückt war), recht große Spanräume.

Obwohl zunächst nur für die Herstellung von Spiralbohrern erdacht und gebaut, wurde schnell klar, dass diese Maschine in vielfältigster Weise genutzt werden konnte. Sie verbreitete sich sehr rasch in den USA, deutlich langsamer in England.

1862: Hydraulische Schmiedepresse von John Haswell

John Haswell ging nach Ausbildung in Glasgow und ersten Berufserfahrungen nach Wien. Dort befaßte er sich vor allem mit Lokomotivbau. Haswell hatte großen Einfluß auf die Industrialisierung Österreichs 4.

Mit einer hydraulischen Schmiedepresse gelang es ihm 1862 erstmals, schwere Maschinenteile in Gesenken zu pressen 5. Die Presse ist erhalten und gehört heute zu den prominenten Exponaten des Technischen Museums in Wien 6. Mit einer Presskraft von 800 t 7 steht sie am Anfang einer Entwicklung. Diese wird durch ein sehr beeindruckendes Exponat im Deutschen Museum München sichtbar. Es wurde 1906 bei Krupp in Essen hergestellt, siehe Bild auf dieser Seite. Der flache Eindruck in dem 7 Tonnen Block entstand durch einen Schlag des Hammers “Fritz” (Bärgewicht 50 Tonnen) [vergl. 1861 Fritz] mit ca. 3 m Fallhöhe, der tiefe Eindruck durch eine hydraulische Schmiedepresse mit 5000 Tonnen Pressdruck in 45 Sekunden. Die Temperatur des 7 Tonnen schweren Stahlblocks betrug jeweils 1100° C 8.

Das ehemalige Krupp’sche Press- und Hammerwerk ist in den Grundzügen erhalten und dient heute IKEA in Essen als Parkhaus.

1862: Das erste Bessemerwerk auf dem europäischen Kontinent geht bei Krupp in Essen in Betrieb

In der Krupp’schen Gußstahlfabrik in Essen hatte man 1861 begonnen, eine neue Werkhalle mit dem Namen “Räderwalzwerk” zu bauen. Hier wurde jedoch nie ein Rad gewalzt - Krupp hatte in aller Stille das erste Bessemerwerk auf dem europäischen Kontinent errichten lassen. Das Knowhow kam direkt von Bessemer [vergl. 1856 Bessemerprozeß]. Alfred Longsdon, Krupp’s Vertreter in London, war der Bruder von Frederick Longsdon. Dieser wiederum war Bessemer’s Teilhaber 9.

Der Versuch Bessemer’s, in Preussen ein Patent auf seinen Prozess zu erhalten, scheiterte - vielleicht war das ein Grund für die Geheimhaltung. Betriebsleiter wurde der 24-jährige Carl Uhlenhaut. Der junge Mann hatte auf Kosten Krupp’s als 15-jähriger drei Jahre Chemie am Carolinum in Braunschweig studiert und hatte dann in verschiedenen Betrieben erste Berufserfahrungen gesammelt, ehe er mit 20 Jahren bei Krupp “eintrat” 10. Er gehörte mit diesem Ausbildungsweg zu einer kleinen Gruppe junger Mitarbeiter, mit denen der Wechsel vom reinen Empiriker hin zum technisch ausgebildeten Ingenieur begann. Uhlenhaut’s Vorgesetzter war Richard Eichhoff, ein Vetter von Krupp’s Ehefrau. Eichhoff hatte sich in den USA als Farmer versucht, ehe er 1854 bei Krupp begann und rasch die Leitung des Puddelwerkes übernahm 11.

Mit zwei aus Sheffield gelieferten Konvertern begann das Bessemerwerk in der Osterwoche 1862 seinen Betrieb 12. Die Proben wurden auf einer Zerreißmaschine untersucht, die Krupp auf der Weltausstellung in London erworben hatte 13.

Der im Bessemerprozess erzeugte Stahl war zwar dem Tiegelstahl qualitativ unterlegen, bot aber das Potential viel größere Mengen zu erzeugen. James gibt an, daß die bisherige Tagesleistung mit dem Bessemerprozess in 20 Minuten gewonnen wurde.

1864 wurde in Essen eine große Walzstraße errichtet, in der fast der gesamte Ausstoß der Bessemer-Konverter zu Eisenbahnschienen gewalzt wurde. Matschoss gibt an, dass für den Antrieb eine Dampfmaschine mit 1000 PS benutzt wurde 14.

Es sollte noch etliche Jahre dauern, bis der Bessemerprozess optimal genutzt werden konnte. Über geraume Zeit gab es Puddelwerk, Bessemerwerk und Siemens-Martin-Werk am Standort Essen.

Stand: 23.8.2016